Das Herz der Synthese

Psychosynthese und Psychopathologie

Massimo Rosselli                                                                              zurück zur Übersicht

(übersetzt von Serge Jordi)

© EFPP, European Association for Psychosynthesis Psychotherapy

Psychosynthese ist eine Abkürzung des richtigeren und vollständigeren Begriffs Biopsychosynthese, die den Körper innerhalb des psychosynthetischen Prozessen mit einbezieht. Daher ist Psychopathologie alleine eine zu eingeschränkte Definition von Pathologie oder Leiden, das sich selbst über mehrere Ebenen der körper-verstand-transpersonalen Einheit des Menschen zeigt und zusammen mit dem relationalen und sozialen Einfluss die verschiedenen Symptomarten schafft. Tatsächlich müssen die Erscheinungsformen des Leidenstyps, die als 'pathologisch' bezeichnet wurden, von physiologischem Schmerz oder Leiden unterschieden werden. Letzteres ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Befindens und kann ungeschützt und fliessend sein, wenn auch unter gewissen Umständen extrem intensiv und sogar unerträglich.

Andererseits beschäftigt sich Pathologie vor allem mit dem Leiden in Verbindung mit der Abwehr, die der Mensch aufbaut, um sich selbst von der vollen Erfahrung der Verwundung und den entsprechenden Leiden auf psychischer und körperlicher Ebene zu schützen. Diese Wunden würden andererseits durch das Vehikel der Persönlichkeit ausgedrückt und den Körper, die Gefühle, den Verstand, die Verhaltensweise und die Beziehungen (relationale Verteidigungsmechanismen) beeinflussen und verändern. Die Abwehrhaltungen des Menschen schaffen die vielschichtige Tapeterie seiner Symptome, dies zusammen mit seinen Ausdrucksweisen der Vielfältigkeit seiner menschlichen Natur (die Funktionen, die in ihrer Beziehung zueinander, einem Sternbild gleich, die verschiedenen Typologien, die zwiespältigen Teile, die Teilpersönlichkeiten oder Polaritäten, die Bedürfnisse, Wünsche, Qualitäten und Potentiale der transpersonalen Dimension und die Richtung des Selbst bilden). Schliesslich kann Pathologie, die die selbe Wurzel hat wie Leidenschaft (Weg des Pathos), als "gefrorene Leidenschaft" betrachtet werden, wenn die Intensität des Leidens, aber auch diejenige von Verlangen, Gefühlen und Kraft, im Individuum, durch seine Verteidigungsmechanismen und Gefährdungen, sich selber und seiner Umwelt gegenüber, gelähmt sind.

Ohne die extrem vielseitige und vielgestaltige Perspektive, die in der Psychosynthese verfolgt wird, zu vergessen, sondern eher zu achten, denke ich, dass es interessant und wichtig sein würde einige Grundsätze frei zu legen, mit der Absicht zu Synthese-Richtlinien für die Psychopathologie beizutragen: Synthese ist vielleicht das spezifischste und charakteristischste Prinzip in der ganzen Theorie und Praxis der Psychosynthese. Jedes Stadium auf der Reise durch das Leben hat seine Konflikte und Schwachstellen und verschiedene Krankheitsbilder können in Beziehung zu diesen Stadien einbezogen sein. Assagioli spricht von der Psychosynthese in den Lebensabschnitten und, von den in jedem Lebensabschnitt charakteristischen Konflikten, als auch von Konflikten zwischen den Lebensabschnitten und von der Arbeit der Integration der vorangegangenen Lebensabschnitte in die nachfolgenden, was als ein evolutionärer Prozess beschrieben werden kann, eine sich ausdehnende Synthese um ein Identitätszentrum herum, welche die innere und äussere Vielfalt zu einer Einheit harmonisiert. Die verschiedenen Energien, die in diesem Prozess danach streben sich zu manifestieren, schaffen, zusammen mit den Blockaden und Verteidigungsmechanismen, die von widerstreitenden Kräften und traumatischen Wunden herstammen, in Verbindung mit dem Einfluss des Umfeldes, in dieser Hinsicht das Krankheitsbild in der Psyche und dem Körper, das, auch in einer Synthese, in jedem Stadium das ganze Wesen repräsentiert.

Ich will hier eine spezifische Hypothese der Psychosynthese hinsichtlich dem komplexen Thema der Psychopathologie formulieren. In jedem Moment oder Stadium auf der Reise eines Menschenlebens bildet sich eine Synthese unter den verschiedenen Teilen seines Seins: den Ebenen des Unbewussten und Bewusstseins, dem Ich und dem Selbst, Teilpersönlichkeiten, Funktionen und Körper-Verstand-Strukturen, Abwehrhaltungen und Potentialen, etc. (Siehe Figur 1). Wie ein Vektor ist Synthese das Resultat des Wechselspiels zwischen diesen verschiedener Quellen, indem es gesündere Bilder aufbaut oder die Symptome einer Krankheit verursacht. Letzteres ist ein Ausdruck des Unvollkommenen und der pathologischen Integration oder Synthese.

Wilber verband so, in seiner verständlichen und brillanten Systematisierung des Spektrums und der Reise des Bewusstseins, einen Rahmen zu verschiedenen Psychopathologien, die er als pre-personal, personal und transpersonal definierte. Es kann nicht verneint werden, dass gewisse Konflikte in einigen Dimensionen stärker verwurzelt sind als in anderen und bis zu einem gewissen Grad zu den Verwundungen der sich entwickelnden Persönlichkeit oder zu einer weiteren existentiellen Krise oder Duldung gehören, die durch das unfassbare Überfluten transpersonaler Energien geschaffen wurden. Dennoch, eine solche Unterteilung, d.h. die unbestreitbare Zuordnung von Psychose und Borderline Syndromen zu den pre-personalen Pathologien; von Syndromen des neurotischen Typs zu den personalen Pathologien; und die sogenannten Verwirrungen in Verbindung mit der Selbstverwirklichung (Assagioli) oder mit spirituellen Notfällen (Grof) zu den transpersonalen Psychopathologien, würde eher auf der Teilung der Dimensionen zu basieren scheinen, auch wenn z.B. Wilber die Präsenz von transpersonalen Erscheinungen berücksichtigt und, wie viele Autoren, die Existenz gemischter Programme in einem integrierten und synthetischen Modell des Menschen zugesteht.

In jedem Krankheitsbild ist es wichtig den gleichzeitigen Einfluss auf allen Ebenen zu sehen, entweder aus dem Blickwinkel der Ursache oder der Erhaltung und der Rückkopplung, die in anderen Dimensionen einer bereits vorhandenen Krankheit mitschwingen.

Die Psychosynthese Theorie und deren Ansatz ist besonders auf Beziehungen basierend; nicht nur äusseren aber auch inneren Beziehungen und Verbindungen. Wenn wir zum Beispiel die Theorie der Teilpersönlichkeiten anschauen, können wir dem Spiel der Trennung und dem Prozess der Zerstückelung zusehen. Gleichzeitig gibt es einen Aufruf zur Beziehung unter den Teilpersönlichkeiten mit möglicher Interaktion, Transformation, Integration und Synthese.

Das selbe wechselwirkende Prinzip gilt auch für das Körper-Verstand-Gefühl-Vehikel einer Persönlichkeit, für die Dualität zwischen dem Selbst und/oder dem Transpersonalen und der personalen Dimension, für die Interaktionen unter psychischen Funktionen (z. B. Gefühlen, Wille, Vorstellungskraft, Verstand etc.). Verzerrung oder ein Mangel an Interaktion unter solchen Teilen trägt zur Krankheit bei.

Eine objektbezogene Theorie bietet, hinsichtlich dem Verständnis der inneren Vielfalt und sogar der möglichen Entstehung von Teilpersönlichkeiten, eine interessante Grundlage an. Wie auch immer, in der Psychosynthese ist es angebracht eine subjektbezogene Theorie zu erwähnen, welche die Beziehung des Selbst zu den verschiedenen Teilen und Dimensionen (bewusst und unbewusst) berücksichtigt.

Das Selbst ist, in seinen zwei Ebenen und Ausdrucksweisen: personal und transpersonal, entsprechend der Psychosynthese Hypothese, während der gesamten Reise eines Menschenlebens vorhanden. Es ist nicht entwicklungsfähig wie die egoistische Persönlichkeit und verweilt daher, strukturell auf die innere und äussere Umwelt bezogen, nicht objektiv, sondern eher subjektiv, mit allem. Das Selbst wird in der Tat auch als Subjekt in einer Subjekt-Subjekt-Beziehung anerkannt. Es wird von Assagioli als ontologische Realität, als Essenz des Menschen, definiert und als solche nimmt es von Beginn des Lebens an, sowohl an den Schwierigkeiten und traumatischen Verletzungen, wie auch  an den positiven Ausdrucksweisen des Lebens teil.

Wenn es das Ziel des Selbst ist, die spezifischen und einzigartigen Qualitäten der menschlichen Essenz sichtbar zu machen, zu verkörpern und zu realisieren, ist es verständlich, warum es leicht verletzt ist, wenn es hier auf Erden in seinem grundlegenden Dasein nicht erfüllt wurde. In letzter Zeit wurde der Begriff "Seelenwunden" vermehrt gehört. Seele steht hier für das menschliche Gesicht der Essenz eines Menschen, einem verkörperten Geist, der an den Ereignissen eines Menschen während seines Lebens teilnimmt. Das Selbst spielt vor allem im frühen Stadium des Lebens (einschliesslich des embryonalen Stadiums) eine wichtige Rolle. Mit der transpersonalen und archetypischen Dimension, deren sich das Kind nicht bewusst ist, ist es transparenter, offener und ungeschützter. Dies kommt daher, dass die Persönlichkeit des Kindes noch nicht voll strukturiert ist und dies ist der Zeitpunkt zu dem es am einfachsten verletzt werden kann. Die sogenannten Urwunden werden geschichtlich gesehen während der ersten Lebensjahre zugefügt, dringen aber komplett in die Person ein, verletzten sie im Kern, dem Urboden, und bemächtigen sich ihres individuellen Existenzrechtes.

Sowohl in der Psychosynthese, wie auch in der transpersonalen Psychologie, gibt es eine Unterscheidung zwischen dem regressiven Charakter der Symptome, in Verbindung mit Blockaden, Besessenheiten oder Konflikten innerhalb einer Persönlichkeit und zwischen der Persönlichkeit und dem Umfeld, und den sogenannten progressiven Krankheiten, die mit den Schwierigkeiten in Zusammenhang stehen, denen wir auf dem Pfad zur Selbstverwirklichung begegnen, sei es durch den Kontakt mit den Energien der transpersonalen Dimension oder den Problemen, die durch die Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit entstehen. Es ist allerwichtigst, aber nicht einfach, die Unterscheidung zwischen den zwei zu machen. Die Symptome (psychotische, neurotische, depressive, psychosomatische etc.) können in beiden Fällen gleich sein. Im generellen dauern sie in einer transpersonalen Psychopathologie kürzer und es gibt Zeichen einer integrierteren Persönlichkeit. Eine richtige Interpretation der Situation, und sachgerechte Kommunikation mit der Person, ändern den psychotherapeutischen und psychiatrischen Ansatz.

In Anbetracht dessen, was vorher hervorgehoben wurde, nämlich, dass der Mensch immer in seiner Gesamtheit präsent ist, selbst wenn einige Teile ihre Unbehagen lauter äussern als andere, will ich noch anfügen, dass gemischte Situationen mit regressiven und progressiven Aspekten in der klinischen Praxis öfters angetroffen werden. Die Präsenz häufig geteilter und unintegrierter archetypischer Dualitäten in der Psyche spielen eine wichtige Rolle in der Gestaltung der verschiedenen psychopathologischen Erscheinungsformen. Zusammen mit der Achse von Regression und Progression, sollten wir uns ebenfalls Einheit und Trennung, männlich und weiblich, Logos und Eros, Individualität und Universalität, Stocken und Fliessen etc. in Erinnerung rufen. Dies alles kann polarisiert, getrennt oder verbunden und wieder integriert werden, um zur Synthese zu führen. Gewiss legen Erkenntnis und Beachtung dieser Dualitäten die Sprache des kollektiven und transpersonalen Unbewussten frei und zeigen ein Zusammenspiel dieser Dimensionen mit der persönlichen Geschichte.

Psychopathologie kann auch von einer synthetischen Perspektive aus gesehen werden, indem die verschiedenen Typen, die, entsprechend den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Funktionen, zu den Menschen passen, berücksichtigt werden: Sieben Funktionen bilden häufig sieben grundlegende Menschentypen (Assagioli). Psychopathologie ist von diesen Typen beeinflusst und trägt zu deren weiteren Formgestaltung und Modifikation bei, insbesondere bei der Betrachtung der Charakterstrukturen, die Typen und Abwehrhaltungen sind, welche die verschiedenen menschlichen Energien in einem Ausgleich mit der Umwelt und ihren menschlichen Wunden durch das Körper-Verstand-Vehikel zum Erstarren bringen.

Diese funktional-typologische und charakterologische Art Pathologie zu betrachten schafft einen hilfreichen und verständlichen Ansatz zu etwas, was Assagioli als "Differentialpsychologie" definierte. Die Bilder der klassischen Charakterstrukturen, die von einfachen Ausdrucksweisen und Strategien, die in der Welt auf kompensatorische Art funktionieren, bis zu schwerst unkompensierten pathologischen Erscheinungen variieren können, können in der Psychosynthese wieder gefunden werden, indem dem Selbst und dem Transpersonalen in der Charakterbildung, zusammen mit der Persönlichkeitsentwicklung, Raum gegeben wird. Zusammen geben die transpersonalen und personalen Dimensionen der klinischen Pathologie eine Form und verstärken umgekehrt das Erscheinungsbild der Symptome, indem sie den verschiedenen Quellen von Krankheit und Gesundheit, Blockaden und Potentialen eine Stimme geben. Zum Beispiel kann die Hypothese der affektiven Verwirrungen (Depression etc.), die offenbar eher mit dem Liebestyp verbunden sind, den Verlustschmerz und unerfüllte Bedürftigkeiten sowohl der personalen als auch der transpersonalen Ebene zum Ausdruck bringen; und könnte die zwanghafte Zwangsmässigkeit, die pathologisch die organisatorische Typologie ausdrückt, durch rituelle Bedürfnisse des Transpersonalen wieder gestärkt werden? Ausserdem, wenn wir zum Beispiel schizoide oder Borderline Phänomene betrachten, können wir nicht anders als diese Krankheiten mit den frühen Wunden im Entwicklungsstadium zu verbinden, die, wie auch immer, nicht nur solche der Persönlichkeit, sondern auch des Selbst, der Essenz, sind, und wie oben erwähnt die sogenannten Seelenwunden schaffen.

Auf der anderen Seite wird das volle Blühen und Manifestieren der Symptome durch alle Ebenen unterhalten und verstärkt. Dies kann bezeugt werden, indem die Durchlässigkeit von psychotischen und Borderline Fällen zum Zugang transpersonaler und kollektiver Energien untersucht wird, die authentisch auftreten, aber Illusionen und Identifikationen schaffen und zu weiteren schmerzvollen Abspaltungen und Leiden in den Abwehrhaltungen führen. Das selbe gilt für die verschiedenen Psychopathologien oder "psychosomatospirituellen Pathologien, um die vollständigere Definition zu geben.

Die Begrenzungen dieser kurzen Darstellung macht es unmöglich das Thema detaillierter zu besprechen, jedoch gibt es gegenwärtig mehrere Studien und Beobachtungen in der Psychiatrie und Psychopathologie, die es, durch die Perspektive der Psychosynthese, wieder aufgenommen haben.

Als Schlussfolgerung will ich zusammenfassen, dass die menschliche Reise, die immer eine parallele Reise durch die Persönlichkeit und das Selbst hin zur Selbstverwirklichung ist, einige grundlegende Rechte und Bedürfnisse hat, die befriedigt und beachtet werden müssen. Diese Rechte und Bedürfnisse zu verneinen oder zu vernachlässigen kommt dem Verwunden eines Menschen in seiner Ganzheit, dem Kern, gleich, was der Psychopathologie Auftrieb gibt und das Tiefste der menschlichen Essenz, die Seele oder das Selbst, mit einschliesst. Die verschiedenen Typen setzen, in Form einer Gefährdung, Unterdrückung oder Verneinung dieser Rechte verschiedene Antworten auf die Verwundungen fest. Entsprechend einem bestimmten Recht werden verschiedenen typologische Stilarten hervorgerufen und reagieren in der Folge, zusammen mit den Verteidigungsmechanismen, indem sie ein komplexes Bild einer charakterologischen Psychopathologie bilden. Wie ein gewebter Wandteppich wird dies nie vollständig befriedigend sein, selbst nicht durch grossartige Bezeichnungen. Die Grundbedürfnisse des Selbst, die in der Persönlichkeit wiederspiegelt werden und von ihnen durchdrungen sind, werden das Recht verlangen, hier zu sein, in der Form und mit Grenzen; das Recht bedürftig zu sein und gehalten zu werden; glücklich und ausdrucksstark zu sein; gehört, gesehen, gespürt und geachtet zu werden; in Beziehung zu sein und dennoch Kraft zu beanspruchen; das Recht im wahren Gefühl zu sein.

Die therapeutischen und klinischen Ansätze müssen die tieferen Schichten berühren, bevor sie mehr und mehr, Person für Person, heilen und lernen können, wie mysteriös und einzigartig die Reise des Selbst mit all seinen Schlüsseln, durch Pathologie, ist.

 

Quellenverzeichnis

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