Freiheit im Gefängnis
Aufzeichnungen von Roberto Assagioli zurück zur Übersicht
und überarbeitet von Richard Schaub & Bonney Gulino Schaub
„Meine
Hingabe gilt dem Streben, Frauen und Männern zu helfen, sich aus ihren inneren
Gefängnissen zu befreien“ – Roberto Assagioli in „Freiheit im Gefängnis“.
Robert Assagioli, M.D., gebürtiger Italiener, war Psychiater, Ilumanist,
Wissenschaftler und theosophisch orientierter Forscher der spirituellen
Traditionen in der Welt.
Im
Jahre 1910 brach er mit dem Freudianischen Denken, das er für reduktionistisch
und unvollständig hielt, und begann sein eigenes psychospirituelles Modell der
menschlichen Natur, die Psychosynthese, zu entwickeln.
Assagiolis
Integration von Psychotherapie und Meditation ist immer noch seiner Zeit voraus.
Wenn Therapeuten oder andere Bewusstseinsforscher Ausschau halten nach einer Brücke
zwischen Spiritualität und Psychologie, wären sie gut beraten in Assagiolis
Arbeit danach zu suchen.
Im
Jahr 1928 gründete Assagioli in Rom das Institut für Psychosynthese. Nach 1936
wurde seine Arbeit zunehmend schwieriger, zum einen wegen des wachsenden
Antisemitismus und zum anderen erweckten seine humanitären Aktivitäten die
Feindschaft der faschistischen Regierung. 1940 wurde er verhaftet und für einen
Monat in Einzelhaft gehalten.
Er
wurde zwar durch die Intervention von einflussreichen Freunden entlassen, aber
unter strenger polizeilicher Bewachung gehalten. 1943 wurde er tatsächlich
wieder verfolgt und dadurch gezwungen sich in abgelegenen Bergdörfern zu
verstecken. Zweimal entkam er knapp den Nazis, die sein Familienhaus mit Dynamit
zerstört hatten.
Während
seiner Gefängniszeit machte er sich umfangreiche Notizen, die er mit dem Titel
„Freiheit im Gefängnis“ versah. Es widerstrebte ihm, sie zu publizieren,
weil er sein Leiden – verglichen mit dem von vielen anderen während des
zweiten Weltkrieges – als gering empfand. Seine Freunde drängten ihn, sie zu
veröffentlichen, aber er starb, ohne dieses Projekt abgeschlossen zu haben.
Die
Notizen wurden den Autoren zugänglich gemacht durch das Institut für
Psychosynthese, Assagioli Archive, Florenz, Italien. Wir danken den Mitarbeitern
für all ihre Freundlichkeit, die sie uns entgegengebracht haben. Die Notizen
beginnen mit Anekdoten von der polizeilichen Vernehmung, die seiner Verhaftung
folgten. In seiner Beschreibung der Vernehmungen scheint Assagioli in einer der
Situation unangemessenen guten Laune zu sein: „Unter den Augen der Polizei ...
das schnelle Verlesen der Anklagen ... ich antwortete und verhielt mich wie der
reine Narr“. Als er gefragt wurde, seine Arbeit zu beschreiben, antwortete er
anscheinend ausführlich. Er beschreibt seinen Befrager als höflich und
geduldig. Noch während Assagioli seine Ausführungen beendet, schreit der
vernehmende Polizist: „Sie sind ein Pazifist!“. Der Befrager versucht eine
formal kriminelle Anklage zu finden und Assagioli antwortet ihm mit seinem
eigenen Verständnis von Pazifismus: „Jeder hat ein Ideal des Friedens.
Niemand will Krieg um seiner selbst willen. Aber als Psychater glaube ich nicht
daran, dass Frieden durch politische und legale Mittel gesichert werden kann ...
und noch weniger durch systematische oder gewalttätige Opposition gegen den
Krieg, indem man gegen den Krieg Krieg macht. Folglich bin ich kein Pazifist im
üblichen Sinne. Ich bin tief davon überzeugt, dass Frieden grundsätzlich ein
psychologisches Problem ist.“
Er
führt dann seine Hoffnung an, seine eigenen Studenten könnten „Beispiele von
verwirklichtem Frieden in ihren Familien und in ihrer Arbeit“ werden.
Der
vernehmende Polizist scheint gehört zu haben, was er braucht, und fragt
aufgeregt: „Erklären Sie, wie sie ihre Schüler ausbilden. Wer sind Ihre führenden
Anhänger?“.
Für
sich selbst denkt Assagioli. „Das ist mein Moment der Würde.“ Aber zum
Vernehmenden sagt er: „Mein Gehirn ist sehr müde und ich kann mich nicht
erinnern.“ Assagioli erinnert sich dann an ein Versprechen, das er sich selbst
im Alter von zwölf Jahren gegeben hat: „Mich nie selbst zu verraten.“
Assagioli
erzählt uns dann: „Ich war entschlossen, nicht zu sprechen, egal welchen
Druck sie auf mich ausüben würden, und er (der Vernehmende) spürte das
wahrscheinlich“.
An
diesem Punkt wird Assagioli in den nächsten Raum gebracht, ihm werden
Handschellen angelegt und er wird in eine Gefängniszelle gesteckt.
Er
bemerkt: „Die Handschellen beseitigten jeden Zweifel an meinem Schicksal. Es fühlte
sich an wie ein Schlag und ein Gefühl von Anspannung in meinem Solarplexus,
aber es war eine instinktive Reaktion, verursacht durch die Unerwartetheit und
Neuheit der Situation, aber das dauerte nur ein paar Sekunden. Augenblicklich
„wachte ich auf“ – eine stille aber sichere Wahrnehmung von innerer Würde
erwachte in mir und durchdrang mein Bewusstsein“.
Zu
diesem Zeitpunkt befindet sich Assagioli in Einzelhaft. Seine Aufzeichnungen erzählen
uns jedoch sehr wenig über das Gefängnis. Stattdessen beginnen sie mystische
Zustände zu erforschen, die Assagioli widerfahren: „Das segensreiche Gefängnis
gab mir die Einsicht in die Unabhängigkeit von Umständen, die Verwirklichung
von innerer Freiheit. Wir sollten natürlich die Freiheit von Angst, von Mangel
etc. verwirklichen, aber der richtige Nachdruck sollte auf jene innere Freiheit
gelegt werden, ohne die alle anderen nicht ausreichend sind. Meine Hingabe dient
dem Streben anderen Männern und Frauen zu helfen, sich aus ihren inneren Gefängnissen
zu befreien.“
Die
Notizen fahren fort: „Ein Gefühl der Grenzenlosigkeit, ein Nicht-Getrenntsein
von allem was ist, ein Aufgehen in das Selbst des Ganzen. Zuerst eine nach
aussen gehende Bewegung, aber nicht in Richtung auf ein bestimmtes Objekt oder
ein individuelles Wesen, ein Ueberfliessen oder Ausgiessen in alle Richtungen
wie die Milchstrassen einer sich ständig ausbreitenden Himmelssphäre.
Eine Fähigkeit die Ausstrahlung der universellen Liebe auf ein Objekt
oder eine Person zu konzentrieren und zur gleichen Zeit ihre Qualität zu
spezifizieren: eine mitfühlende Liebe für alle Insassen meines Gefängnisses
und gegenüber allen Gefangenen und Insassen der Krankenhäuser; zärtliche
Liebe für die Mitglieder meiner Familie; brüderliche Liebe gegenüber meinen
Freunden, eine Liebe der Bewunderung, Dankbarkeit, Hochachtung gegenüber den
grossen Seelen, den Weisen und besonders gegenüber Christus, jener vollendeten
Verkörperung. Aber all diese Qualitäten von Liebe blieben immer mit dem
Ganzen, als Teile der Identifikation mit dem Ganzen, der Wirklichkeit des
Lebens. Eine wunderbare Vereinigung. Keine Trennung – nur verschiedene Aspekte
des Wunderbaren“. Obwohl Jude und mit jüdischen Angelegenheiten sein Leben
lang befasst, sind Assagiolis Aufzeichnungen angefüllt mit Bewunderung für
Jesus, den Buddha und anderen
Lehrern der Welt.
Folgen
wir dem vorher zitierten Absatz, betreten die Aufzeichnungen jenen undeutlichen
Bereich, auf den sich so viele Mystiker beziehen: „Die eigentliche
Wirklichkeit ist so weit entfernt von allen gedanklichen Konzeptionen. Sie ist
unaussprechlich. Sie muss gelebt werden ... Freude ist dem Leben selbst
innewohnend, dem Stoff der Wirklichkeit ... Die Verwirklichung des Selbst, ruht
und steht in sich selbst ... Das selbstlose Selbst ... Die drei
Bewusstseinshaltungen des höchsten Paradox: Kein Selbst (Buddhistisch), Vereint
mit Gott (Mystisch), Verwirklichung des wahren Selbst (Vedanta).“
Dann
verlagert Assagioli seine Aufmerksamkeit in seinen eigenen Aufzeichnungen auf
einen sehr unmystischen Aspekt seines Selbstbewusstseins. Er verpasst es, sofort
zu antworten, als der Gefängniswärter in fragt, welches Essen er haben möchte,
und so wird ihm nichts gegeben. In seinen Aufzeichnungen schreibt er: „Ich
hatte nie ein besonderes Interesse oder eine Vorliebe für das Essen. Als ich
ein Student war, pflegt ich meine Hauptmahlzeit in weniger als zwanzig Minuten
einzunehmen und für Monate das gleiche Menü zu haben. Aber diese Beispiele über
mich sind nicht empfehlenswert, denn sie zeigen meine Gleichgültigkeit.“
Die
Aufzeichnungen beginnen dann professionell und klinisch zu klingen. Er
beschreibt seine Methode der Meditation während der Einzelhaft: „Methode: 1.
Körperliche Entspannung, rhytmisches Atmen; 2. Emotionale Ruhe. Affirmation; 3.
Ruhig stellen des Geistes; 4. Das Bewusstsein auf höhere Ebenen erheben.
Ausstrahlung – tiefe Ueberzeugung von der Wirklichkeit und Wirksamkeit der
psychospirituellen Ausstrahlung von mitfühlender Liebe für alle Gefängnisinsassen,
und der Ausstrahlung auf die Welt ... Das Bemühen auf eine wissenschaftliche
Art und Weise die Wirksamkeit von mentalen Wellen und Gefühlswellen zu
beweisen, die Kraft des Geistes über den Körper ... Revolutionäre Wichtigkeit
davon ...
Der
Mensch als psychospirituelles Kraftwerk und Sende- und Empfangsstation.“
Er
beendet seine Gefängnisaufzeichnungen mit der für sein ganzes Leben
wichtigsten Erkenntnis: „Ich erkannte, dass ich frei war, diese oder eine
andere Einstellung gegenüber der Situation einzunehmen, ihr diesen oder einen
anderen Wert zuzuschreiben, sie zu benutzen oder auch nicht zu benutzen, in der
einen oder anderen Weise. Ich konnte mich wiedersetzen. Ich konnte mich passiv
unterwerfen, vegetieren. Oder ich konnte dem unzuträglichen Vergnügen des
Selbstmitleids frönen und die Märtyrerrolle annehmen. Oder ich konnte die
Situation mit einem Sinn für Humor annehmen, oder ich konnte sie zu einer
Liegekur machen, oder ich konnte mich mir selbst für Psychologische Experimente
zur Verfügung stellen. Oder ich konnte letztendlich ein spirituelles Retreat
daraus machen endlich weit weg von der Welt. Da gab es keinen Zweifel in mir ich
war verantwortlich“.
In
einem Interview von 1974 mit Assagioli für „Psychologie Heute“ bemerkt Sam
Keen: „Mein Gott, er macht uns verantwortlich für unsere Identität.“
Assagioli,
in tiefer meditativer Einsicht im Gefängnis, sah, dass Bewusstsein begrenzt und
befreit wird durch sich selbst, begrenzt und befreit wird durch sich selbst,
immer und immer wieder, und er hofft, dass seine Arbeit helfen würde, jenes zu
befreien.
Bonney Gulino Schaub, M.S., R.N., und Richard Schaub, Ph.D., sind Ko-Direktoren des New Yorker Institutes für Psychosynthese. Sie arbeiten als Psychotherapeuten in New York City und Huntington, Long Island, und arbeiten auf internationaler Ebene an der Entwicklung einer psychospirituellen Methode. Sie sind führend bei der weitergehenden Forschungsarbeit bei Assagioli Archives und werden damit fortfahren ihr Material der Oeffentlichkeit anzubieten.