Psychosomatische
Medizin und Bio-Psychosynthese
[1]
von
Dr. Roberto Assagioli, Florenz
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Es besteht für mich keine Notwendigkeit, grosse Ausführungen über die Prinzipien und Anwendungsformen der psychosomatischen Medizin vor einer solch qualifizierten Versammlung von Therapeuten zu halten, zu denen ich die Ehre habe zu sprechen. Ganz im Gegenteil, ich bin es, der in der glücklichen Situation ist, eine Menge aus den Beiträgen lernen zu können, die anlässlich dieser „psychosomatischen Woche“ gehalten werden. Das gestattet mir daher, mich kurz zu fassen und die Grundzüge, notwendigerweise zusammenfassend und „synthetisch“, darzustellen, die die Bio-Psychosynthese macht und in Zukunft zu der psychosomatischen Medizin beitragen wird.
Das
Wort „psychosynthetisch“ war schon von verschiedenen Autoren gebraucht
worden, aber sie haben sie nicht angewendet als ein einheitliches Konzept oder
als eine spezifische therapeutische Methode. Ich selbst werde mich als mein persönlicher
Beitrag auf den Nutzen beschränken, den sie hat.
Psychosynthese
hat sich natürlich und spontan auf dem Boden und den Hauptströmungen der
Psychoanalyse entwickelt als eine Methode der Psychotherapie – oder um es
genauer zu sagen – als Gefäss von Techniken und Methoden, die darauf
abzielen, eine ganze, vollständige und harmonische menschliche Persönlichkeit
zu erlangen. Ihr prinzipielles Ziel und ihre Aufgaben sind:
1.
Die Entfernung der Konflikte und Herausforderungen, bewusst und
unbewusst, welche diese Entwicklung blockieren.
2.
Die Benützung von aktiven Techniken, um psychische Funktionen anzuregen,
welche noch schwach und unreif sind.
Aber die Praxis der Psychosynthese entwickelte sehr bald die Notwendigkeit, den Körper miteinzubeziehen, mit anderen Worten, zu erkennen und davon Gebrauch zu machen von engen Bindungen zwischen Körper und Seele und umgekehrt. Diese Erkenntnis hat sowohl unter theoretischen als auch praktischen Standpunkten Anerkennung gefunden und aus diesen Gründen ist die eigentliche Bezeichnung von Psychosynthese Bio-Psychosynthese (in der Praxis ist es gewöhnlich angebrachter von Psychosynthese zu sprechen; es muss jedoch jederzeit daran gedacht werden, dass der Körper miteinbezogen ist, das Bios und das diese Bezeichnung immer „Bio-Psychosynthese“ meint).
Die
aktuelle Natur und die Mechanismen der psycho-physikalischen Interaktion wurden
und werden, wie sie alle gut wissen, als Thematik einer lebhaften Diskussion
betrachtet. Widersprüchliche Konzepte und Theorien wurden entwickelt, aber
Psychosynthese nimmt mit ihrer wesentlich pragmatischen Orientierung nicht an
ihnen Anteil. Sie nimmt die Realität dieser Interaktion (welche die Begründung
der Psychosomatischen Medizin beinhaltet) als gegeben und gebraucht ihre
funktionierenden Wege für therapeutische Zwecke.
Um
von einer Energie ausführlichen Gebrauch zu machen, ist es in der Praxis nicht
nötig, ein profundes Verständnis ihrer Natur zu haben, von dem was sie in
Wirklichkeit ist. Genauso wie die Kenntnis der Schwerkraft nicht ein Erfordernis
ist für die die Konstruktion von Flugzeugen und die Kenntnis der Elektrizität
nicht unbedingt erforderlich ist für zahlreiche Anwendungen. Ebenso erfordert
der Gebrauch unseres Körpers nicht das Wissen um seine Beziehung zwischen ihm
und der Psyche. Wir brauchen nicht zu wissen wie der Wille, eine Idee oder ein
Gedankenbild Muskelbewegungen bewerkstelligt. Wenn ich den Arm anheben will wird
sich der Arm heben, ohne dass ich weiss wie. Boxer, Akrobaten und Pianisten
entwickeln eine erstaunlich gute psycho-neuromuskulare Koordination, eine
wirkliche psycho-physische Synthese, ohne dass noch das elementarste Wissen von
Anatomie oder beispielsweise über cerebrale Bewegungszellen und ihre Verbindung
mit Nervenfasern, deren Funktion des Stimulus für Muskelbewegungen ist, haben.
Diese
Meinung wird von Prof. Antonielli, dem begabten Organisator dieser vielfältigen
und reichen Psychosomatischen Woche, geteilt. In „Psychosomatische Medizin“
hat er geschrieben: „...es ist nicht wichtig, jedenfalls nicht für den
Kliniker, den strukturierten Ablauf einer Psychosomatosis und ihrer
Erscheinungsformen zu kennen, wie sie diagnostiziert wird und welche Techniken für
ihre Heilung angewandt werden können. Und dieses praktische Wissen haben wir
erlangt“.[2]
Zu den speziellen und allerwichtigsten Beiträgen die die Psychosynthese geliefert hat, und welche sie von verschiedenen anderen Konzepten der menschlichen Psyche und vielen anderen psychotherapeutischen Methoden (während sie ihnen nirgends widerspricht) unterscheidet, ist das Erkennen der höheren Funktionen der Psyche und das Aufzeigen ihrer Wichtigkeit in der Pathogenese von vielen Nerven- und anderen psychosomatischen Störungen.
Das psychosynthetische Konzept der psycho-physischen Struktur des menschlichen Wesens ist in der folgenden Zeichnung dargestellt:

Das
umgebende Oval enthält alles des bio-physischen menschlichen Wesens; der
kreisrunde Bereich repräsentiert das Bewusstseinsfeld und der Punkt in seiner
Mitte das Ich oder Ego. Der restliche Bereich weist auf das weite Feld das
Unbewussten hin, welches in drei Bereiche aufgeteilt ist:
1. Der untere umschreibt in erster Linie die seelischen Aktivitäten, die
elementar aber sehr geschickt das organische Leben regieren. Eine Anzahl von
Biologen spricht jetzt von einer Bio-Psyche und betrachten Leben und Intelligenz
als untrennbar. Diese Zone ist also der Sitz oder der Ursprung der fundamentalen
Antriebe (Triebkräfte), wie beispielsweise sexuelle, Selbsterhaltung und
Aggression. In diesem Bereich sind die Komplexe zu finden, die eine starke
Ladung haben und durch Traumatas und psychische Konflikte hervorgerufen worden
sind.
2.
Der mittlere Bereich stellt die Zone der Ruhestätte der psychischen
Elemente und Aktivitäten dar, die ähnlich sind dem Wachbewusstsein und die
leicht erreichbar sind. Es ist das Vor-Bewusstsein und in ihm findet die
Ausarbeitung von Erfahrungen und die Vorbereitung künftiger Aktivitäten statt.
3.
Der höchste Bereich steht stellvertretend für das höhere Unbewusste
oder Ueberbewusstsein. Es ist der Sitz wo die Intuitionen und Inspirationen
religiöser, erhabener, künstlerischer, philosophischer und wissenschaftlicher
Natur herkommen, die Kreationen von Genies, ethische Imperative und
altruistische Handlungen.
Der
Stern am oberen Rand des Ueberbewusstseins steht stellvertretend für das was
die moderne Psychologie – und herausragend Jung – bezeichnen als das
„Selbst“, von dem das Ego, das Zentrum des Selbstbewusstseins, eine
Reflektion (Spiegelung) ist. Ausserhalb des Ovals findet man die grenzenlose
psychische Welt des kollektiven Unbewussten.
Alle
Linien sind gestrichelt dargestellt, um anzudeuten, dass ein fortlaufender
Austausch zwischen den Bestandteilen und Energien – eine „psychische
Osmose“ könnte man sagen – stattfindet zwischen einzelnen und allen dieser
seelischen Bereiche.
Eine
Klarstellung über das höhere Unbewusste ist noch wünschbar. Bisher ist seine
Existenz von der modernen Psychologie noch kein Untersuchungsobjekt gewesen.
Viele Wissenschaftler glauben jedoch, es könne mit wissenschaftlichen Methoden
nicht erforscht werden. Doch diese Sicht stammt aus einer begrenzten und irrigen
Konzeption eines Vorgehens, welches ähnlich ist mit den gewohnten Techniken der
physikalischen Wissenschaften. In der Realität jedoch besteht die
wissenschaftliche Methode prinzipiell in der Elimination der Irrtümer der
Bewertung und der Sprache, wie Francis Bacon in seinem Buch „Novum Organum“
bereits gesagt hat. Er nannte sie „Idols“ und sie wurden noch genauer durch
neuzeitliche Semantiker demaskiert. Im wesentlichen handelt es sich um eine
ausgepegelte Beweisführung. Auf diese Weise ist alles als Objekt
wissenschaftlicher Behandlung berechtigt; es gibt keinen Grund, warum Sexualität
wissenschaftlich untersucht werden kann und Liebe nicht. Diese Denkweise hat in
der letzten Zeit von einer Anzahl Avant-Garde-Psychologen Beachtung gefunden,
welche die humanistische, existentielle und antropologische Stellung eingenommen
haben, z.b. Sorokin, Maslow, Frankl und andere.
Aber
die psychosomatische Medizin hat diese höheren Aspekte der Realität und des
seelischen Lebens nicht ignoriert. In der Tat haben ihre wichtigsten Exponenten
mit Bestimmtheit darauf hingewiesen. Hier möchte ich besonders den Direktor der
medizinischen Universitätsklinik in Hamburg, Prof. Jores erwähnen, den wir die
Ehre haben unter uns zu wissen. In seinem ausgezeichneten Buch „Der Mensch und
seine Krankheit“[3]
zeigt er auf, wie viele Störungen in den Frustrationen darin begründet sind,
dass das tiefe Bedürfnis frustriert ist, die Persönlichkeit mit ihrer
Fruchtbarkeit und ihrer Entwicklungsfähigkeit nicht kultivieren zu können.
Dies dient nicht nur der Behauptung der Persönlichkeit vor Anderen. Es ist ein
Zwang – oft nicht bemerkt oder unterdrückt – die latent vorhandenen Möglichkeiten
zu entwickeln und zu wachsen. In der selben Weise wie ein biologischer
Organismus eine unausweichliche Tendenz zum Wachstum hin erfährt, so gibt es
eine Wachstumstendenz im Menschen, die sein ganzes Leben hin andauert oder
wenigstens viel länger als die Periode des biologischen Wachstums. Wenn dieses
Wachstum unbeachtet oder unterdrückt bleibt, oder durch Behinderungen der
Umgebung frustriert wird, werden psychosomatische Störungen hervorgerufen.
Prof.
Viktor Frankl, Direktor der neurologischen Klinik der Universität von Wien, drückt
sich selbst in sehr ähnlichen Sätzen aus. Indem er von den existentiellen
Krisen des Wachstums und der Entwicklung spricht, sagt er sie dürften nicht als
geistige Krankheit betrachtet werden und ein Arzt sollte nicht die existentielle
Verzweiflung mit Tranquilizern bekämpfen, sondern den Menschen zu einem Übersteigen
der Krise führen[4].
Frankl sagt: „Die Suche nach dem Sinn ist eine primäre Kraft im Menschen und
nicht eine sekundäre Rationalisierung von instinktiven Impulsen. Die Werte die
dem Leben Bedeutung geben, zwingen den Menschen nicht, sondern ziehen ihn an.“[5]
Diese Tatsache wurde von Abraham Maslow in einer noch emphatischeren Weise ausgedrückt. Maslow ist Prof. der Psychologie an der Brandeis Universität USA und Präsident der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft. Er schreibt: „Die volle Bedeutung einer Person bzw. der menschlichen Natur muss zweifelsohne intrinsische Werte als Teil der menschlichen Natur enthalten. Diese inneren Werte sind von Natur aus instinktiv, d.h. sie werden gebraucht 1.) um Krankheit zu vermeiden und 2.) um die grösstmögliche Menschlichkeit und Wachstum zu erreichen. Die „Krankheit“, die aus Mangelerscheinungen intrinsischer Werte (Metawerte) entsteht, könnten wir Metapathologie nennen. Die „höchsten“ Werte, das spirituelle Leben, die höchste menschliche Erwartung, sind daher das geziemende Thema für wissenschaftliche Studien und Nachforschungen. Sie befinden sich innerhalb der Welt der Natur.“[6]
Ein
anderer spezifischer Beitrag der Psychosynthese ist die Rückgewinnung der
Bedeutung und des Wertes des Willens, wobei besondere Beachtung seiner
speziellen Position zu zollen ist, weil sie anders ist als die übrigen
psychischen Funktionen. Man kann sagen, dass der Wille die Cinderella der
modernen Psychologie ist. Seit William James ist er nahezu vollständig vernachlässigt
worden, nicht nur von akademischen Psychologen, sondern auch von führenden
Vertretern der dynamischen Psychologie.
Ich
kann hier nicht innehalten und die Gründe diskutieren, die zu dieser seltsamen
Vernachlässigung geführt haben. Ich will hier nur erwähnen, dass der hauptsächliche
Grund in einer decidenten materialistischen und objektivistischen Anschauung
liegt, jedenfalls bis vor kurzem, die sich in der Psychologie entwickelt hat. In
diesem Zusammenhang möchte ich das bekannte Sprichwort über das traurige
Schicksal der Psychologie etwas abändern: „Zuerst verlor die Psychologie ihre
Seele, dann ihren Willen, dann ihr Bewusstsein bis nichts mehr blieb als ihr
Verhalten.“ Aber sie hat angefangen, sich von ihrem Zusammenbruch vor einiger
Zeit zu erholen; sie gewinnt wieder ihr Bewusstsein oder fast Selbstbewusstsein,
indem das Ego wiederentdeckt wird und nun muss sie nur noch ihren Willen
wiederfinden.
Positive
Zeichen eines Beginns in diese Richtung sind erkennbar und ich bin glücklich,
sagen zu können, dass einer der führenden Psychologen in Italien, Prof.
Leonardo Ancona, der heute Tagespräsident ist, die Existenz und Funktion des
Willens im seelischen Leben
wiedererkennt. In seiner Abhandlung über Motivation, veröffentlicht in dem
Buch „Questioni di Piscolgia“, von ihm herausgegeben, untersucht er
eindringlich die verschiedenen Typen der Motive und schliesst unter ihnen
wertvolle Beweggründe als speziell menschlich ein. Im folgenden sei seine Sicht
wiedergegeben: „Ein Mensch beabsichtigt, etwas zu tun mehr, als dass er dazu
gedrängt oder gezwungen wird oder einfach nur tun mag. Dieser Tatsache wird
Rechnung getragen durch den Ausdruck „der Mensch will“. Auf dieser Stufe
wird die Motivation nicht als eine Handlung externalisiert (nach aussen
verlegt), sondern als eine kognitive Vertretung und identifiziert sich selbst
innerhalb des Konzeptes des Wollens. Hier ist es eine Angelegenheit des „antizipatorischen
Verhaltens“, in dem Realität gewollt wird im Abstrakten, bevor die Ausführung
im Konkreten stattfindet.“
Prof.
Jores spricht von dem Willen mit sehr ähnlichen Worten: „Der Mensch ist mit
Intelligenz beschenkt, damit er seine Handlungen kontrollieren und ihre
Auswirkungen beurteilen kann; auf Erfahrungsgrundlagen kann er für die Zukunft
sorgen. Wenn eine dieser Handlungen geleitet wird durch die Motivation, dann können
wir von einer freiwilligen Handlung sprechen. Der Kompass der menschlichen
Handlung ist ein System von Werten. Diesbezüglich ist der Mensch ein
moralisches Wesen.“[7]
Wie
ich bereits erwähnt habe, hat die Psychosynthese spezielle Studien des Willens
unternommen; sie hat die verschiedenen Stadien des Wollens beschrieben (Ziel,
Bewertung, Absicht, Erwägung, Entscheidung, Planung und Leitung der Ausführung);
und hat seine Qualitäten näher bezeichnet (Energie, Beherrschung,
Aufmerksamkeit, Beharrlichkeit). Psychosynthese hat dem Willen eine zentrale
Stellung eingeräumt unter den seelischen Funktionen, was in dem folgenden
Diagramm dargestellt ist:
Das
Zentrum des Bewusstseins und die psychologischen Funktionen
Sterndiagramm
1.
Empfindung
2.
Erregung-Gefühl
3.
Ideenreichtum (Vorstellungskraft)
4.
Antrieb-Begehren
5.
Denken
6.
Intuition
7.
Wille
8.
Zentraler Punkt: das Ich oder Ego
Die
Beachtung und der Gebrauch des Willens sind von grosser Bedeutung für die
psychosomatische Medizin und der Gebrauch vieler psychologischer und
psycho-physikalischer Techniken verlangt die willentliche und aktive Mitarbeit
des Patienten. Aber das schliesst nicht nur den Gebrauch des Willens allein ein,
sondern erfordert den fundamentalen Willen, gesund zu werden. Wo der Wille ungenügend,
gebrochen oder überdeckt wird von dem was der Gegenwille, der Todesinstinkt
(Freud), die Tendenz der Selbstzerstörung (Menninger) genannt wird, ist es
wichtig für den Arzt sehr aufmerksam zu sei hinsichtlich der Situation und er
muss versuchen den Willen, gesund zu werden, wieder zu stärken oder
hervorzubringen. Wenn das fehlt, bleibt jede therapeutische Anstrengung
unwirksam.
Indem
wir uns jetzt speziell dem Bereich der Therapie zuwenden, kann natürlich gesagt
werden, dass die Stellung, welche die Psychosynthese einnimmt eine
„synthetische“ ist. Dementsprechend würdigt und gewichtet sie die
Verdienste aller Therapieformen, aller Methoden und Techniken der Behandlung
ohne eine vorgefasste Präferenz. Sie bedient sich aller und wählt aus,
kombiniert und verändert in verschiedener Weise jene so, wie es jede gegebene
existentielle, klinische Situation uns symptomatischer Komplex erfordert. Diese
Kombinationen sind nicht nur verschieden innerhalb des Verlaufes der Krankheit
und des Therapieverlaufes.
In
Übereinstimmung mit der Wiederentdeckung der Existenz und der Bedeutung des
Ueberbewusstseins, schenkt die Psychosynthese der existentiellen Realität des
Patienten und seines Lebenskonzeptes besondere Beachtung. Hier mag ein
Widerspruch aufkommen: „Aber das gehört doch in den Bereich der
philosophischen Haltungen. Wie können diese auch nur psychosomatische
Krankheiten hervorrufen?“ Nun, in erster Linie müssen wir erkennen, dass
Jeder, jedes menschliche Wesen, vom einfachsten bis zum höchst kultivierten
notwendigerweise sein persönliches Konzept des Lebens hat, wenn auch rudimentär
möglicherweise ohne sich dessen bewusst zu sein.
Es
ist leicht zu beweisen, dass Alle „urteilen“; und die mehr unwissenden sind
häufiger als andere. Aber um zu „urteilen“ muss man „bewerten“; Man
urteilt auf der Grundlage eines Wertesystems; und diese Werte beinhalten ein
Konzept der Welt, des Lebens und der Menschlichkeit. Nicht nur Urteile, sondern
auch Handlungen basieren auf Bewertungen und infolgedessen auf solch einer
Konzeption.
Wie
M. Jourdain in Molières Komödie, der Prosa schrieb ohne sich dessen bewusst zu
sein, so hat jedes menschliche Wesen eine „Philosophie“ für sich selbst,
mehr oder weniger einfach und primitiv, ohne sie als solche zu bezeichnen,
manchmal ohne überhaupt zu wissen was Philosophie ist! Andererseits ist diese
Philosophie, dieses Lebenskonzept oft nicht nur rudimentär, sondern auch noch
gegensätzlich, was man leicht erwarten kann, wenn man den seelischen
Formenreichtum kennt, der in uns existiert. Sein Charakter ändert dem Moment,
dem individuellen Denkvermögen oder der Teilpersönlichkeit entsprechend auf
„der Bühne“ im Theater des Bewusstseins. André Maurois, obwohl er kein
Psychologe von Beruf war, stellt in seinen Büchern intuitiv psychologisches
Wissen dar und geht soweit, dass er sagt, dass gewöhnliche normale Mensch seine
Philosophie zehn mal am Tag wechselt.
Dem
Lebenskonzept muss bei jedem Menschen genaue Beachtung geschenkt werden,
insbesondere wenn er krank ist. Es ist wichtig zu wissen, welche Bedeutung er
dem Leben gibt, oder ob er glaubt, dass das Leben eine Bedeutung hat. Die
seelische Verfassung eines Menschen, der glaubt, dass das Leben eine Bedeutung
und damit einen Wert hat, ist sehr verschieden und günstiger als diejenige
eines Individuums der sie bezweifelt oder verneint. Frankl hat das in seinem
Buch „Die Suche des Menschen nach Bedeutung“ bewiesen, in welchem er seine
Erfahrungen und die seiner Leidensgenossen beschreibt, die sie in einem
Konzentrationslager machten. Er beobachtete, dass jene, wie er, welche dem Leben
eine Bedeutung geben wollten überlebten und die Anderen starben.
Die
psychosomatischen Erscheinungen der Lebens- und Weltkonzeption – mit anderen
Worten von der existentiellen Position oder Betrachtungsweise gegenüber dem
Leben – sind einfach erklärt. Diese Betrachtungsweise ist nicht nur eine
gedankliche Überzeugung, sondern sie ruft Gemütsbewegungen und Gefühle, oft
sehr intensive und manchmal sehr heftige, wie Verzweiflung, hervor. Und diese
produzieren, wie Gemütsbewegungen und Gefühle anderen Urspruchs, seelische
Reaktionen, das heisst mit anderen Worten, sie sind die Ursache von
psychosomatischen Verwirrungen.
Ich
würde jedoch gerne klarstellen, dass Psychosynthese als ein wissenschaftliches
Konzept und eine bio-psychotherapeutische Vorgehensweise keine spezielle
metaphysische und noch viel weniger religiöse Position einnimmt. Sie misst
diesen Aktivitäten den höchsten Wert im menschlichen Geist zu, dring aber in
keiner Weise in ihr Territorium ein. Sie geht bis an den Schrein des Mysteriums
heran und bleibt dort stehen. Daher können ihr Alle Beachtung schenken und sie
brauchen, welche Glaubensrichtung und metaphysische Position sie auch immer
einnehmen.
Indem
ich jetzt zur Thematik der psychotherapteutischen Techniken komme, darf ich
Freuds klare Aussage vom Unterschied zwischen Psychoanalyse und Suggestion in
Erinnerung rufen. Erstere, versichert er, ist dazu bestimmt, Hindernisse, die im
Unbewussten existieren, wegzuräumen, während letztere neue seelische Elemente
und Inhalte in die Psyche des Patienten einführt.
Psychosynthesetherapie
trägt beiden dieser psychotherapeutischen Techniken Rechnung und macht dem grössten
Gebrauch von ihnen. Aber, aus Gründen ihrer ganzheitlichen und
psychodynamischen Konzeption wendet sie auch eine grosse Anzahl aktiver
Techniken an, die dazu bestimmt sind:
1. Latente Energien (Kräfte), insbesondere im höheren Bewusstsein, zu
erwecken.
2. Funktionen zu entwickeln wie Schwäche in der Verfassung und solche in
einem kindlichen Stadium.
3. Überschüssige biologisch-seelische Energien und Energien, die nicht
entladen oder direkt ausgedrückt werden können, umzuwandeln.
4. Die Manifestation aller seelischen Energien auf jeder Stufe zu
disziplinieren und zu regulieren (ohne zu unterdrücken und wegzuschaffen),
indem ihre konstruktive und brauchbare Nutzung und kreativer Ausdruck gefördert
werden.
5. Die verschiedenen Funktionen und Energien zu harmonisieren, damit eine
vervollständigte menschliche Persönlichkeit geschaffen wird.
6. Die Einfügung des Individuums in die Gesellschaft durch harmonische
interpersonale und Gruppen-Beziehungen zu
fördern.
Bei
dieser Gelegenheit kann ich nicht die vielen Techniken aufzählen, die in der
psychosomatischen Therapie angewendet werden, um diese Aufgaben zu erreichen. Es
gibt mehr als vierzig von ihnen. Eine Anzahl von ihnen mit ihren Indikationen
und Kontraindikationen werden in meinem Buch „Psychosynthesis ein Handbuch der
Prinzipien und Techniken“ vorgestellt.
Ich
will hier nur noch einen Punkt erwähnen, der für die psychosomatische Medizin
von besonderem Interesse ist, die Einbeziehung des Körpers in der
Psychotherapie, bzw. vielmehr der Einbezug von streng psychologischen Methoden
im Zusammenhang mit physiotherapeutischen und physio-psychischen Techniken.
Es
kann gesagt werden, dass zwei gegensätzliche Verhaltensformen hinsichtlich des
Körpers bestehen. Viele Individuen identifizieren sich vollständig mit ihm und
leben grösstenteils ein Leben von Empfindungen verschiedenster Art, geben den
Freuden und Leiden des Körpers so eine ausgefallene Bedeutung, dass sie davon
versklavt werden. Ihre materialistische Konzeption resultiert in einer Tendenz,
physischen Ursachen alle Schuld ihrer Störungen zu geben ohne die
Psychogenesis, teilweise oder ganz in Betracht zu ziehen. Und das passiert auch
vielen Ärzten!
Es
gibt andererseits zwei Kategorien von Individuen, bei denen das Gegenteil
auftritt. Die erste setzt sich zusammen aus denen, die fast vollständig in
einer Welt der Gemütsbewegungen, Gefühle und Vorstellungsbildern leben. Die
zweite umfasst viele studierte und kultivierte Menschen – „die
Intellektuellen“. Keine der beiden Gruppen ist am Körper interessiert; es mag
sein, dass sie ihn vernachlässigen und tatsächlich sogar als eine Begrenzung
und eine Last betrachten. Aber dieser Mangel an Aufmerksamkeit und Wertschätzung,
die Verneinung des „Körperbewusstseins“ und Gleichgültigkeit gegenüber
der eigenen physischen Aktivität führt zu Debilität des Körpers und zu
Auftreten von verschiedenen funktionalen Störungen.
In
all diesen Fällen ist der Gebrauch von psycho-physikalischen Techniken
angezeigt. Die effektivsten Übungen für die Erzielung des Körperbewusstseins
und seine allmähliche Kontrolle sind die Entspannungstechniken und autogenes Training, welchem besondere Bedeutung während dieser
„Psychosomatischen Woche“ beigemessen wird.
Dann sind da all die Aktivitäten, die dazu neigen, die psycho-neuro-muskuläre Koordination zu entwickeln: Gymnastik, harmonische rhythmische Bewegungen und klassischer Tanz (nicht die modernen); verschiedene Sportarten wie Golf, Tennis, Baseball und mit gewisser Einschränkung Fussball (unter den verschiedenen Veröffentlichungen die sich mit diesem Thema beschäftigen möchte ich ein kürzlich erschienenes Buch von P. Sivadon und F. Cantheet erwähnen: „La réeducation corporelle des fonctions mentales“, Paris, Les Editions Sociales Françaises, 1965). Alle diese Techniken werden in der bio-psychosynthetischen Therapie verwendet indem sie den entsprechenden Anforderungen gemäss dem Gesamtprogramm ausgewählt werden.
Nun
möchte ich Ihre Aufmerksamkeit zu einem letzten wichtigen Punkt lenken.
Psychosynthese beschränkt sich nicht auf den Gebrauch von Techniken, wie
zahlreich sie auch sein mögen. Sie erkennt voll die therapeutische Bedeutung
der Arzt-Patient-Beziehung. Der Einfluss der Persönlichkeit des Arztes in all
seinen Aspekten ist vielschichtig und schwer zu umschreiben. Eine ansehnliche
Anzahl Ärzte haben die Aufmerksamkeit darauf gezogen; Maeder, Tochtermann
und Tournier unter vielen. Vor kurzem hat diese Thematik eine
durchdringende Behandlung von Dr. Ballend erfahren, der bald über dieses Thema
mit grosser Kompetenz sprechen wird. Auch in diesem Fall erfordert ein nützlicher
Gebrauch dieses Einflusses nicht ein profundes Verständnis seiner Natur.
Vier
prinzipielle Typen der Beziehung zwischen Arzt und Patient können von der
Psychosynthese ausgeschieden werden, von jeder wird Gebrauch gemacht mit
Hinblick auf das Ziel welches es in der Behandlung zu erreichen gilt (ich habe
diese Beziehungen in einem früheren Vortrag beschrieben, der Teil eines
Lehrganges am Institut für Psychosynthese 1966 war und daraufhin in der
Monographie „Jung und Psychosynthese“ New York Psychos. Research Foundation,
1967 erschienen ist).
In
den wenigen Augenblicken, die mir noch bleiben, kann ich nur noch zwei weitere
wichtige Gebiete erwähnen, in denen Psychosynthese substantielle Beiträge
bringen kann. Das erste ist das der „therapeutischen Gruppe“. Ihren
wirklichen Nutzen aber auch ihre zweifelsohne kleinen Schwierigkeiten, die damit
assoziiert werden, sind von einem interessanten Versuch in der Tavistock Klinik
in London aufgezeigt worden. In seinem wertvollen Buch „Der Arzt, sein Patient
und die Krankheit“ (London, Pitman Medical PublicationsCo, 1957) hat Dr.
Balint eine verständliche Zusammenfassung davon gegeben. Der zweite Bereich „Gruppentherapie“ in ihren verschiedenen Formen, steht
nun im Begriff weiterentwickelt und dahingehend ausgedehnt zu werden was als „Sozio-Therapie“
bezeichnet wird.
Psychosynthese
hat durch ihre Entwicklung in interindividuellen und sozialen Bereichen eine
Vielzahl von Techniken einbezogen und entwickelt. Zum einen für die
Verarbeitung von Konflikten zwischen Individuen und Gruppen, als auch zwischen
Gruppen und Gruppen, zum anderen für die Wiederherstellung von harmonischen und
konstruktiven Beziehungen. Das Gesamtziel ist es, die Entwicklung und
Integration aller Aspekte des menschlichen Lebens hervorzurufen und zu unterstützen
sowie immer mehr die Entwicklung der Menschen als einbeschliessende Ganzheiten
voranzutreiben.
Das
ist der Geist, der Bio-Psychosynthese beseelt und sein idealer Zweck ist.
[1]
Ein Vortrag, der vor der Plenarversammlung der Internationalen
Psychosomatischen Woche im September 1967 in Rom gehalten wurde
[2]
Praktische
Aspekte der psychosomatischen Medizin, in Medician Psychosomatica, Band 12,
Nr. 2, S. 133
[3]
Stuttgart:
Klein 1956
[4]
Man’s
search for Meaning, N.Y.: Washington Square Press, 1963, P. 103
[5]
ibid,
S. 157
[6]
“A
Theory of Metomativation: The biological Rotting of the Value-Life”,
Journal of Humanistic Psychologie, Fall, 1967
[7]
Der
Mensch und seine Krankheit, S. 22, a.a.O.