Psychosynthese und Psychotherapie
Eine
Einführung
zurück zur Übersicht
Pierro Ferrucci
(übersetzt
von Serge Jordi)
© EFPP, European Association for Psychosynthesis Psychotherapy
Psychosynthese
wurde in der platonischen Tradition der "Psychagogie" geboren, was der
vollen Entwicklung eines menschlichen Wesens zum höchsten Potential aller
Funktionen auf allen Ebenen entspricht. Es ist eine Methode zur
Selbstverwirklichung, die allen Menschen offen steht und bildet die Grundlage für
jede andere spezifischere Anwendung in der Psychotherapie. Sie kann auch auf
anderen Gebieten angewendet werden, wie z. B. Sport, Wirtschaft, Erziehung oder
Religion. Weil Psychosynthese Gesundheit vor Krankheit betrachtet und es
ablehnt, dass Menschen sich mit ihren Symptomen identifizieren, sind die Grenzen
zwischen Psychosynthesetherapie und Psychosynthese als Selbstverwirklichung
verschwommen.
Psychosynthese
ist eine Form der Psychotherapie, die am Anfang dieses Jahrhunderts begann.
Assagioli's erste Schrift, "La psicologia delle idee-forza e la psicagogia",
aus dem Jahr 1908, enthält schon
alle Hauptthemen der Psychosynthese. Seit da hat sich die Psychosynthese
entwickelt und wurde in mehrere Länder ausgebreitet. Assagioli's Bücher und
andere Bücher über Psychosynthese wurden in mindestens ein Dutzend Sprachen übersetzt
und es gibt auf der ganzen Welt Institute und Zentren für Psychosynthese. An
internationalen Psychosynthesekongressen sind mehr als 20 Nationalitäten
vertreten.
Psychosynthese
wurde immer eher als eine Annäherung an die Metaebene betrachtet als eine in
sich geschlossene Denkschule. Sie bildet ein grundlegendes Gerüst, ausgedacht,
nicht nur offen für neue wissenschaftliche Erkenntnisse, individuelle
therapeutische Stile, Beiträge anderer Schulen und neue Entwicklungen und
Techniken zu sein, sondern ist auch eine Art Ordnung im gegenwärtigen
Durcheinander zeitgenössischer Psychologie und Psychotherapie zu schaffen. Die
grosse Vielfalt von Techniken und Ideen können für einen Praktiker verwirrend
sein. Die Möglichkeiten damit umzugehen sind dreifaltig:
a Unkritisch die existierende Mannigfaltigkeit zu akzeptieren und aus den unterschiedlichen Ansätzen eine Art hausgemachte Mischung zu machen.
b
Allen Neuerungen und Beiträgen
auszuschliessen und an einer Richtung festzuhalten.
c
Alte und neue Methoden und Ideen
in einem soliden Gerüst zu integrieren. Wir erachten diese dritte Möglichkeit
als eigen in der Psychosynthese Psychotherapie.
Assagioli,
der Begründer der Psychosynthese, war ein ausgebildeter Psychoanalist und er
war es, der als erster Psychoanalyse in Italien einführte. Er wurde von Freud
als ein Vorposten der Psychoanalyse in Italien betrachtet. Psychosynthese
akzeptiert die Existenz und den verborgenen Einfluss des Unterbewusstseins, die
latente Präsenz der phylogenetischen und ontogenetischen Geschichte in der
Psyche, die Symbolik mentaler Bilder und Symptome, das Vorhandensein von
Abwehrmechanismen, die Bewahrung von Traumatas, unbewusste Arbeit und unabhängige
Vervollkommnung.
Die
bedeutenden Neuerungen der Psychosynthese sind die zentrale Stellung des Selbst,
ein Punkt, den sie eher mit vielen spirituellen Traditionen teilt als mit der
zeitgenössischen westlichen Psychologie. Die menschliche Identität als ein
spirituelles oder persönliches Selbst war in vielen spirituellen Traditionen
durch die Jahre ein zentrales Thema. Nun wurde dieses Thema ins empirische Feld
der Psychologie und Therapie gebracht und wird nicht mehr als ein Treueartikel
oder Dogma betrachtet, sondern als Erfahrung und daher als ein legitimes Feld für
psychologische Untersuchungen. Das transpersonale oder spirituelle Feld
schliesst einen Hüter von Erscheinungen ein, die allgemein "überbewusst"
genannt werden, so wie Einsicht, Kreativität, höhere Gefühle, innere Befehle,
Erweiterung des Bewusstseins, "fliessende" Glückserlebnisse, Gipfel-
und Plateauerlebnisse und so weiter. Die meisten dieser Zustände werden von
denjenigen, die sie erfahren, als höchst positiv und wünschenswert erachtet.
Sie werden als ein höchst wichtiger Aspekt des Menschseins und als ein
vielversprechendes Gebiet für Forschung und Entdeckung gesehen.
Assagioli
vergleicht ein menschliches Wesen mit einem Gebäude, in dem der Keller die
dunklen, frühzeitlicheren und primitiveren Ebenen des Unbewusstseins darstellt,
das Erdgeschoss das tägliche Bewusstsein repräsentiert, während die höheren
Stockwerke und die Terrasse mit Blick zu den Sternen den höheren Ebenen des
Bewusstsein entsprechen. Kein Konzept des menschlichen Wesens, welches das
Vorhandensein des Unterbewusstseins unbeachtet lässt, ist realistisch. Ebenso
ist kein Konzept des menschlichen Wesens, welches das Vorhandensein eines höheren
Unbewusstseins nicht anerkennt gerecht und vollständig. Innerhalb diesem
Szenario befreit sich das Selbst, der Treffpunkt von Individualität und
Universalität, selber von der Kontrolle vergangener, bedingter, unbewusster
Verteidigungsmuster, Vorurteile, Zwänge und anderer Begrenzungen und wird fähig
eine Wahl zu treffen und eine Richtung einzunehmen: Hierin liegt gemäss
Assagioli die Bedeutung des Willens.
Psychosynthese
betont die einzigartige Individualität jeder Person. Was zählt ist nicht das
Standardsymptom, welches den Klienten zahllosen anderen Klienten, welche die
selben Symptome und eine gleiche Geschichte haben oder einer virtuell
statistischen Einheit mit einer spezifischen pathologischen Typologie zuordnet.
Dies wird nur zu einem kleinen Teil zum vollen Verständnis der misslichen Lage
des Klienten beitragen, weil es genau das ist, was der Klient nicht ist. Was am
meisten zählt ist die unwiederholbare Geschichte der Klienten, die
Interpretation, die sie ihrer eigenen existentiellen Situation geben, die Werte,
die sie schätzen, die Zukunft, der sie entgegensehen. Als Therapeut ist unsere
erste Frage nicht "was macht dieses Individuum gleich zu anderen?"
sondern "was unterscheidet sie/ihn und macht sie/ihn zur einzigartigen
Person, die er oder sie ist?".
Seit
Beginn weg war Psychosynthese eine in hohem Masse sachlicher Ansatz, obwohl sie,
entsprechend der Persönlichkeit und dem Hintergrund des Therapeuten, genügend
Raum für individuellen Stil und Variation lässt; ihre Methoden wurden in
vielen Ländern über viele Jahre immer wieder getestet und sie sind in der
Psychosyntheseliteratur beschrieben. Sie sind klar, einfach, wiederholbar und
wirkungsvoll. Alle Techniken der Psychosynthese sind das Resultat von Selbstreflexion und
Selbstexperimentierung. Viele Fachleute haben in verschiedenen Zusammenhängen
mit diesen experimentiert und ihren eigenen Beitrag dazu abgegeben.
Obwohl
Psychosynthese sich selbst als eine
stark einschliessender Ansatz betrachtet, der alle Ideen und Beiträge, die überzeugend
und wirksam scheinen, einverleibt, bietet sie ebenso viele neuartige eigene
Beiträge, wie die Idee des Selbst als Zentrum des Bewusstseins, die Bedeutung
des Willens, die Arbeit mit Bildern, die Wichtigkeit der Synthese, den Gebrauch
von aktiven Übungen, das Vorhandensein des Überbewusstseins und des
transpersonalen Selbst, um einige zu erwähnen.
Alle
psychologischen Krankheiten schliessen persönliche Verantwortung ein. Obwohl
alle Arten ungünstiger Ereignisse oder die genetische Ausstattung zu
psychologischen Verwirrungen und Pathologie führen kann - oder geglaubt wird,
dazu geführt zu haben - , spielen wir eine grundlegende Rolle im Erschaffen und
Nähren der Krankheit, sie zu erhalten und auszubreiten.
Das
Verstehen unserer Verantwortung bezüglich Erschaffung und Erhaltung einer
Krankheit ist von grösster Wichtigkeit und ist wiederholt als wesentlicher
Faktor in erfolgreichen Therapien gezeigt worden. Veränderung wird nie allein
auf der Grundlage eines vorübergehenden Zustandes des sich Gutfühlens oder der
Linderung abgeschätzt, sondern eher am Vorkommen einer tieferen Veränderung in
subjektivem Zustand und Einstellung des Klienten, am grösseren Umfang seiner
oder ihrer Weltvorstellung und des Platzes darin, an der Beziehung des Klienten
zu anderen und bei konkreten Änderungen im äusseren Verhalten.
Psychosynthese
ist ein pragmatischer Ansatz, der gänzlich auf Strategien basiert, die Klienten
befähigen eine neue Ordnung für Erfahrung und Verhalten zu entwickeln. Diese können
wie folgt eingeordnet werden:
a Zuerst Erkennen der alten krankhaften Muster, Aufzeichnen deren Entstehung und Geschichte, Anerkennung des Leides, das sie verursachen, Anerkennung der Verantwortung des Klienten diese zu erhalten, Entdeckung der Vorteile, die sie bieten können. Dieser Teil der Arbeit führt oft zu Reinigung und Befreiung.
b Anerkennung und Hervorrufung des Teils des Klienten, der für neue Wege des Denkens und Fühlens, neue Wahl- und Entwicklungsmöglichkeiten, neues Verhalten und Benehmen steht.
c
Stärkung und Verankerung der neuen Muster im täglichen Leben des
Klienten. Wiederholt zeigt die Erfahrung, dass dies der schwierigste Teil der
Arbeit ist. Und dennoch, damit Therapie vollkommen und befriedigend ist, müssen
innere Veränderungen und Einsichten übereinstimmend in der äusseren
Entwicklung gezeigt werden. Dieser Prozess verlangt oft schwierige
Entscheidungen, Disziplin und Ausdauer, sowohl beim Klienten, wie auch beim
Therapeuten. Dies ist echte Veränderung im Gegensatz zu gelegentlicher, oberflächliche
Euphorie.
Günstiger Ereignisse oder die genetische Ausstattung zu
psychologischen Verwirrungen und Pathologie führen kann - oder geglaubt wird,
dazu geführt zu haben - , spielen wir eine grundlegende Rolle im Erschaffen und
Nähren der Krankheit, sie zu erhalten und auszubreiten.
Das
Verstehen unserer Verantwortung bezüglich Erschaffung und Erhaltung einer
Krankheit ist von grösster Wichtigkeit und ist wiederholt als wesentlicher
Faktor in erfolgreichen Therapien gezeigt worden. Veränderung wird nie allein
auf der Grundlage eines vorübergehenden Zustandes des sich Gutfühlens oder der
Linderung abgeschätzt, sondern eher am Vorkommen einer tieferen Veränderung in
subjektivem Zustand und Einstellung des Klienten, am grösseren Umfang seiner
oder ihrer Weltvorstellung und des Platzes darin, an der Beziehung des Klienten
zu anderen und bei konkreten Änderungen im äusseren Verhalten.
Psychosynthese
ist ein pragmatischer Ansatz, der gänzlich auf Strategien basiert, die Klienten
befähigen eine neue Ordnung für Erfahrung und Verhalten zu entwickeln. Diese können
wie folgt eingeordnet werden:
a Zuerst Erkennen der alten krankhaften Muster, Aufzeichnen deren Entstehung und Geschichte, Anerkennung des Leides, das sie verursachen, Anerkennung der Verantwortung des Klienten diese zu erhalten, Entdeckung der Vorteile, die sie bieten können. Dieser Teil der Arbeit führt oft zu Reinigung und Befreiung.
b Anerkennung und Hervorrufung des Teils des Klienten, der für neue Wege des Denkens und Fühlens, neue Wahl- und Entwicklungsmöglichkeiten, neues Verhalten und Benehmen steht.
c
Stärkung und Verankerung der neuen Muster im täglichen Leben des
Klienten. Wiederholt zeigt die Erfahrung, dass dies der schwierigste Teil der
Arbeit ist. Und dennoch, damit Therapie vollkommen und befriedigend ist, müssen
innere Veränderungen und Einsichten übereinstimmend in der äusseren
Entwicklung gezeigt werden. Dieser Prozess verlangt oft schwierige
Entscheidungen, Disziplin und Ausdauer, sowohl beim Klienten, wie auch beim
Therapeuten. Dies ist echte Veränderung im Gegensatz zu gelegentlicher, oberflächliche
Euphorie.