Schöpfungskraft und Lebendigkeit

Von der Natur lernen

Die Kraft des Frühlings ist da. Es ist wärmer geworden, überall grünt und blüht es. Es ist rundherum wunderschön und einzigartig. Mit neuer Kraft zeigt sich die Natur in ihrer ganzen Schöpfungskraft und das Leben spriesst aus allen Ritzen und Ecken hervor. Es ist farbig geworden um uns. Die Wiesen in ihrem saftigen grün, die Blumen in ihrer Farbenvielfalt und die Bäume blühen in voller Pracht. Und wie steht es mit uns?

In dieser Zeit zieht es mich immer wieder hinaus. So oft wie möglich geniesse ich es, draussen in der Natur zu sein, grössere Spaziergänge zu machen, im Garten dem Wachstum zuzuschauen und diese Kraft und Schönheit in mir aufzunehmen. Es ist so ein Zauber, eine Fülle und ein Ausdruck bedingungsloser Hingabe, wie sich die Natur jedes Jahr wieder von Neuem in ihrer Fülle zeigt. Und obwohl ich weiss, dass es jedes Jahr Frühling wird, so bin ich doch jedes Jahr wieder von Neuem erstaunt, was die Natur hervorbringt und mit welcher Kraft sie auch unter härtesten Bedingungen Öffnungen ins Leben findet. Wenn ich bei mir zuhause den Hügel hinauf gehe, sehe ich, wie sich unterschiedlichste Pflanzen durch den Teer und Beton hindurch arbeiten, diesen aufbrechen und zum Licht streben.

Dieses Schauspiel berührt mich und erinnert mich an meine Arbeit. In meiner Arbeit erlebe ich ganz oft, wie Menschen im Verlaufe ihres inneren Prozesses aus ihrem Winterschlaf, aus ihrem Schmerz erwachen und das Leben, die Hoffnung, der Frühling in ihnen ausbricht. Anfänglich noch ganz zart und zerbrechlich - und es braucht sehr viel Sorgfalt, Liebe und Pflege, damit diese zarten Triebe erstarken können und zu kraftvollen neuen Ästen, Zweigen, Blüten und Blättern werden können. Dann immer stärker, es entsteht ein Fluss und die Menschen beginnen wieder zu lachen, sich selbst und das Leben zu feiern. Es ist diese Schönheit und Grazie, die mich im Begleiten dieser Prozesse immer wieder mit ganz viel Dankbarkeit erfüllen. Das Leben findet immer wieder einen Weg, sich auch aus den dunkelsten Situationen heraus, ans Licht zu bewegen. Und je länger ich als Therapeut und Seminarleiter arbeite, umso ehrfürchtiger werde ich vor diesem, meines Erachtens, höchst spirituellen Prozess, der sich "Leben" nennt. Menschen sind grossartige Wesen. Sie können die widrigsten Voraussetzungen mitbringen, in extremer Kälte überleben, jahrelang in einer Art Schockstarre überwintern, sie können viele ihrer Äste verletzt haben, manches Mal fast abgestorben sein und trotzdem gibt es in ihrem Innersten einen Kern, der nicht aufgibt, weitermacht und zum passenden Zeitpunkt neu beginnt zu wachsen und zu erblühen. Ich bin jedes Mal berührt und dankbar dafür, dabei sein zu dürfen. In meinem Herzen weiss ich, dass sich das Leben immer einen Weg finden wird. Und das stimmt mich hoffnungsvoll.

Autor:
Gerhard Schobel
ist Inhaber des Zentrum aeon, Basel
Psychosynthese-Lehrer, Huna & Lomi Lomi Lehrer
und unterrichtet im In- und Ausland seit 1987
Coach und Therapeut in eigener Praxis
Info/Kontakt: www.aeon.ch
Tel. +41 61 262 32 00