Wo die Gnade bewahrt wird
von Roselle F.K. Bailey zurück zur Übersicht
Eine längst vergangene Zeit, deren Atem dem Leben eingehaucht wurde, ist Hula. Es ist ein Augenblick, in dem unsere Gedanken jemanden berühren. Es ist das Aloha (die Liebe), das ‘Eha (der Schmerz), das Pono (die Hoffnung) und das Hu’ue (der Humor) eines Volkes. Es ist das Überleben dieses Volkes. Es ist das Volk. Es ist Hawai’i.
Bild: Eine Hula – Prozession nach Keahualaka.
In der hawaiianischen Gesellschaft mit ihrer ausschliesslich mündlichen Tradition der Überlieferung stellte der Hula für die Menschen sowohl eine Möglichkeit dar, ihre Geschichte weiterzugeben als auch, sich künstlerisch zu betätigen. Die Praktizierenden hatten als Eigenschaften die konsequente Bereitschaft zur Hingabe sowie Integrität und Empfänglichkeit. Den Hula machte weit mehr aus als nur die offensichtliche körperliche Disziplin – auch das mentale, emotionale und spirituelle Wohlergehen der Praktizierenden wurde gefördert.
Das Studium des Hula war weder oberflächlich noch öde. Es war immer und ist auch heute noch eine grosse Freude. Trotz zahlreicher Gegner und verschiedener Angriffe hat der Hula bis heute überlebt. Und gerade dieses Überleben trotz aller Widrigkeiten zeugt von der Lebenskraft und Zähigkeit des Hula. Er ist der Herzschlag von Hawai’i; er ist die Seele seines Volkes.
He’olelo no’eau – ein Sprichwort: “Makahana ka ‘ike”. “Nur wenn man die Arbeit tut, kann man den Beruf kennen und verstehen lernen.”
Es gibt nur zwei Inseln, wo die Hula – Stätten die Prüfungen der Zeit überlebten, sodass man dort heute noch ihrer Grösse und Weisheit begegnen kann.
Die eine ist Moloka’i. Ka’ana, Moloka’i um genau zu sein. Dort lehrte Kapo’ulakina mit grosser Disziplin Nawahineli’ili’i (auch bekannt als “Kewelani” oder “Loea” oder “Ulunui” oder “Laka”) – den Hula.
Die einzige weitere Insel ist Kaua’i. Ach himmlisches Kaua’i! Weises Kaua’i; Kaua’i die Wohlhabende; Kaua’i die Begehrte; Kaua’i so heiter und makellos schön. Kaua’i mit ihrer Vielzahl an Hulastätten, Heimat hochverehrter Keahualaka und Kauluapaoa.
Heutzutage liegen viele der Hula – Tempel für die Öffentlichkeit unzugänglich auf Land, das in Regierungs- oder Privatbesitz ist. Die meisten sind vermessen und bewertet worden. Und mit einer einzigen Ausnahme sind sie alle ziemlich verfallen!
Wäre es nicht grossartig, bei Polihale, das sich an die majestätisch aufragenden Klippen schmiegt, an einer Hula – Zeremonie teilzunehmen, den Blick übers Meer schweifen zu lassen, wo sich die drei Inseln Lehua, Ni’ihau und Nihoa aus dem Wasser erheben! Oder dem Echo der Trommeln zu lauschen, die im oberen Hanapepe – Tal ihren Ruf nach dem Genius von Kapuanui, Kaua’opio, Kameahaiku, Makea und Wahine’ae’a ertönen lassen.
Wäre es nicht aufregend, im Hula Tempel “Nana” in Kawa’iiki bei Wahi’awa zu tanzen, wo Ho’okano von Waimea lehrte? Oder die Ehre zu haben im benachbarten Kaulualono zu tanzen, wo so berühmte Namen wie Kanupaka, Pihelelo, Keala’ula und Keahi Luahine klingen, und dort seine Hula Utensilien niederzulegen?
Einfach nur die Freude des Pa’u O Hi’iaka bei Koloa oder das Schwingen des Hula am Wailua River zu erleben! Gibt es einen Hula – Tempel in Waimea? In Nawiliwili?
Zu all diesen Orten hat die Öffentlichkeit keinen Zutritt, nicht einmal Praktizierende des Hula. Die einzige Ausnahme bildet Keahualaka mit Kaulupa’oa. Es fragt sich, ob wir solch einer Ehre würdig sind? Und wir müssen fragen: “Gibt es noch andere Hula – Tempel auf Hawai’i?”
Keahualaka, Lakas Schrein, ist der gefeiertste aller Hula – Tempel und Bewahrungsorte. Aus ganz Hawaii machten sich die Menschen irgendwann in der Blüte ihrer Jugend auf den Weg nach Keahualaka, um die Tradition zu lernen und die tiefe Weisheit zu schmecken – Oli, und den Hula der ehrwürdigen Vergangenheit.
Keahualaka ist einer der Orte, die in dem wunderbaren hawaianischen Epos genannt werden, das sich um Pele (die Vulkangöttin) dreht, um Hi’iakapoliopele (die jüngste und Lieblingsschwester Peles) und um Lohi’au (Kaua’is attraktiver und begabter Prinz). Keahualaka ist der Schrein, der von allen religiösen und kulturellen Stätten Hawaiis wohl am längsten und durchgängigsten in Verwendung ist.
Bild: Roselle Bailey mit ihren Töchtern Ioana und Pohakalani in Keahualaka
Bild: Hula – Darbietung von Kahiko Halapa’i Hula Alopa’i in Keahualaka
Die “Kaua’i Historical Society” (Historische Gesellschaft Kaua’is) legte von 1927 bis 1952 die Fürsorge für Keahualaka und Kaulupaoa in die Hände von David Pa und Thomas Hashimoto. Als 1959 Henry Kekahuna die Stätten besuchte, um die Lagepläne zu zeichnen, waren die Tempel relativ frei von Gebüsch und Pflanzen! Ab dann allerdings bis 1975 wurden diese Stätten der Natur überlassen. Java Plum, Lantana, Guave und andere aggressiv wuchernde Pflanzen und Gräser überwuchsen die Stätten so sehr, dass man nur wenige Fuss weit sehen konnte, egal in welche Richtung. Dank des Vertrauens und der Voraussicht des mittlerweile verstorbenen John Gregg Allerton, des Besitzers der Tempel und des umliegenden Geländes, durften Mitglieder von Ka’imi Na’auao O Hawai’i Nei und ihre Freunde damit beginnen, die Tempel abermals freizulegen und das Geländer sauber zu machen.
John Gregg Allerton formulierte drei Bedingungen:
1.) die Beteiligung eines Archäologen: Dr. William Kikuchi, Archäologe am Kaua’i Community College, stellte sich für diese Aufgabe zur Verfügung
2.) keine Brandrodung
3.) die Durchführung eines ‘Uniki. Der erste öffentliche ‘Uniki fand im Oktober 1983 statt, als jeder Halau Hula, dessen Adresse bekannt war, eingeladen wurde (und das waren etwa 120). Seither wird solch ein ‘Uniki Ho’ola’a, ho’okupu jedes Jahr durchgeführt.
Bäume wurden gefällt, das Geläne von Wurzeln befreit. Pflanzen, die da nicht heimisch waren, wurden entfernt. Bald bemerkte man, dass die einheimischen Pflanzen wieder zurückkehrten. Jahr für Jahr arbeiteten zahlreiche Menschen daran, manchmal in grossen Teams, dann wieder nur ein paar wenige. Bis heute haben die Mitglieder von Ka’Imi Na’auao O Hawai’i Nei dieser Aufgabe mehr als 10 000 Stunden gewidmet. Mittlerweile sind noch mehr einheimische bzw. hawai’ianische Pflanzen dabei, zurückzukehren. Da gibt es nun Ko’oko’olau (die Spezies Bidens), ‘Ala’alawainui (die Spezies Peperonia), ‘Akoko (die Spezies Euphorbia), Hinahina Kuahiwi (die Spezies Aartemisia), Palapalai (Microlepia setosa), Laua’e (Paloypodium phymatodes) und ein Mamaki (die Spezies Pipurus), der versehentlich von einem übereifrigen jungen Mann umgeschnitten wurde. Ausserdem gab es eine Alula (Brighamia citrina) und eine ‘Ekaha (Elaphoglossum).
Keahualaka blieb praktisch unbekannt, ausser den einigen wenigen Kama’aina und jenen, die jedes fünfte oder sechste Wochenende die Stätte sauber machten. D.h., so war das bis zu jenem schicksalhaften Jahr, als die Petroglyphen von Keoneloa von einem ungewöhnlich hohen Meeresspiegel freigelegt wurden. Die Berichterstattung mit Eomi Tomimbang über die Keoneloa Petroglyphen und Keahualaka machte den Tempel dann einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Zu Beginn kamen nur Menschen, die den Hula kannten, und Studenten, die sich mit der Kultur von Hawai’i befassten. Dann fanden sich abenteuerlustige Malihini in Keahualaka ein. Ihnen folgten Leute, die den verschiedensten religiösen Überzeugungen angehörten. Mittlerweile sind es auch dutzendweise neugierige Besucher, die sich auf die Reise zum Tempel machen.
Kurz nachdem der Bericht ausgestrahlt wurde, wurde die Alula (Brighamia citrina) und die Ekeha (Elaphoglossum) gestohlen. Steine wurden – und werden immer noch – woanders hingebracht. Meist sind es falsch informierte Menschen, welche die Steine nehmen, in La’i (Cordyline terminalis) wickeln, das sie an den Tempeln pflücken, und sie an alle erdenklichen Orte bringen. Das wird dann für ein genuines Ho’okupu gehalten (eine zeremonielle Gabe, die Ehrerbietung und Achtung ausdrücken soll). Leider wird dieses Vorgehen von manchen Reiseveranstaltern gefördert und propagiert.
Über diese Stätte und ihre Verwendung gibt es allerdings unterschiedliche Meinungen. Manche Leute sagen, Keahualaka sollte vergessen bleiben und die Öffentlichkeit sollte keinen Zutritt haben. Manche sagen, sie sei Kapu und sollte gar nicht benutzt werden. Wieder andere meinen, die alte Tradition dürfe nicht wieder aufgenommen werden, weil nun die christliche Doktrin gelten sollte. Und nicht zuletzt gibt es die, die dafür plädieren, die christliche Doktrin aufzugeben und sich dem zu widmen, was sie für das “wahre hawaiianische Dogma” halten.
Diese heiligen Hallen, die dem Hula geweiht sind, werden gelegentlich von Hula Halau’s aus dem ganzen Land und auch vom Festland benutzt, die als Besucher kommen. Abgesehen von den Praktizierenden des Hula wird der heilige Raum auch von Mystikern verwendet, die Kristalle oder Geld dalassen, verbrannte Opfergaben, Bilder, Schmuck und Essbares, das meist schnell schlecht wird, übel riecht und Ungeziefer anzieht.
Da die Stätte wieder ein sehr schöner Ort ist, kommen Menschen, um Picknicks zu machen – und hinterlassen dann häufig ihren Müll, Zeltheringe und die Reste ihres Lagerfeuers. Mehrere Hochzeiten wurden da veranstaltet, obwohl man die Leute informiert hatte, dass das für diesen Ort unpassend sei. Diese Aktivitäten machen deutlich, dass das alte hawaiianische System wieder eingeführt werden sollte, wonach dort ein Kahu (Wächter) wohnt, der die Aktivitäten beaufsichtigt und das Volk erzieht.
Die Arbeit von Ka’Imi Na ‘ auao O Hawai’i Nei (oder auch “Halapa’I Hula Alapa’i) besteht darin, das Erbe von Mr. Allerton zu bewahren, zusammen mit der Voraussicht unserer Kupuna und ‘Aumakua. Wir haben den Auftrag, das Volk dazu zu bringen, aufzustehen, um die Wahrheiten der alten Tradition ohne jede Einschränkung zu singen und zu tanzen. Es braucht viel Mut, um zu verkünden: He Hawai’i au, “Ich bin Hawai’i”.
He’olelo no’eau, ein Sprichwort: “A’ole o kahi nana o luna o ka pali; iho mai a lalo nei; ‘ike i ke au nui, ke au iki, he alo a he alo”! “Nicht von der Spitze der Klippe aus sollst du uns betrachten; komm hier herunter, um die grosse und die kleine Strömung kennen zulernen, ganz direkt!”
Wir sind die Hoffnung! Wir sind der Hula! Hier ist unser Lied!
Ku’u I Ka Po ‘Ele’ele
von R. Bailey und K. Flores, 1983
1.
Der
Vorhang der Dunkelheit hebt sich
aus dem Osten ein rosiger Schimmer
‘s ist die Geburt eines neuen Tages.
Welche Freude! Welche Freude!
Möge es Leben geben, möge es Leben geben!
2.
Die
Wellen ertönen
und murmeln in Ha’ena,
Vögel trällern ein Echo
Welche Freude! Welche Freude!
Das Leben wohnt uns inne! Das Leben ist hier!
1.
Ku`u
i ka po `ele`ele
Wehe
mai ke alaula ma Kumukahi
Pua
mai ke ao ma, na `ohua liko
`Oli
e! `Oli e!
E
ha ke `ea! E ha ke `ola!
2.
Na
kolo ka nalu
Hamumu
ma Ha`ena
E
papa kapalili O Na Manu
`Oli
e! `Oli `e!
E
mau ke ea. E mau ke ola
`Ae: He mele no na kolo aloha o Keahualaka
Ja – dies ist ein Lied das die Liebe für Keahualaka wieder erklingen lässt!