Meine Schulter und ich
Es gibt Dinge, bei denen weiss man eigentlich ziemlich genau, was man tun sollte. Und dann tut man es trotzdem nicht. Bei mir war das zweieinhalb Jahre lang meine rechte Schulter.
Angefangen hat alles während meiner Yoga-Ausbildung auf Bali. Irgendwo zwischen all den Asanas, dem vielen Üben und meinem Ehrgeiz, die Ausbildung erfolgreich abzuschliessen, habe ich mir meine rechte Schulter lädiert. Und zwar so, dass sie ziemlich deutlich zu verstehen gab: Hier stimmt etwas nicht. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, denn die Abschlussprüfung stand bevor und natürlich wollte ich sie machen. Also wurde meine Schulter ordentlich getapt und ich absolvierte meine Prüfung mit Schmerzen. Die Prüfung war danach geschafft – die Schulter leider nicht.
Zurück zu Hause war ich zunächst überzeugt, dass sich das Ganze mit etwas Zeit wieder geben würde. Der Körper kann schliesslich unglaublich viel selbst regulieren und regenerieren. Nur meine Schulter hatte offenbar andere Pläne.
Die Schmerzen blieben. Mal waren sie stärker, mal schwächer, manchmal dachte ich, jetzt wird es langsam besser – nur um kurze Zeit später festzustellen, dass dem doch nicht so war. Ich probierte verschiedene Dinge aus: Therapien, Massagen, Neuraltherapie. Immer mit der Hoffnung, dass jetzt vielleicht genau das dabei sein würde, was den entscheidenden Unterschied macht. Manches tat gut, manches brachte kurzfristig Erleichterung, aber der Schmerz verschwand nie wirklich.
Und so verging die Zeit. Ein paar Monate wurden zu einem Jahr, aus einem Jahr wurden zwei und irgendwann waren tatsächlich zweieinhalb Jahre vergangen.
Nun muss ich dazu sagen: Ich bin nicht wahnsinnig medizin-affin. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bei jedem körperlichen Problem sofort einen Arzttermin vereinbaren. Eher im Gegenteil. Ich versuche meistens erst einmal selbst herauszufinden, was mein Körper braucht und was ich tun kann.
Dazu kommt, dass ich bei der klassischen Medizin manchmal das Gefühl habe, in eine Art 80/20-Schublade gesteckt zu werden: Bei 80 Prozent der Menschen funktioniert Vorgehen A, also machen wir bei Ihnen auch Vorgehen A. Vielleicht ist das etwas überspitzt formuliert, aber genau dieses Gefühl lässt mich häufig zögern. Und klassische Physiotherapie stand auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala ebenfalls nicht besonders weit oben.
Meine Schulter wiederum liess sich von meinen Vorurteilen herzlich wenig beeindrucken. Sie tat einfach weiterhin weh.
Irgendwann musste also selbst ich mir eingestehen, dass es nach zweieinhalb Jahren vielleicht doch keine völlig abwegige Idee wäre, einmal einen Arzt darauf schauen zu lassen. Also raffte ich mich auf.
Er machte ein Röntgenbild und stellte fest: Der Knochen ist in Ordnung.
Sehr schön. Das war für mich schon einmal ein guter Start.
Dann verschrieb er mir Physiotherapie: neunmal 20 Minuten.
20 Minuten.
Ich gebe zu, meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Was bitte soll man in 20 Minuten gross bewirken, wenn ich seit zweieinhalb Jahren Schmerzen habe?
Aber manchmal tut es ganz gut, wenn die eigenen Vorstellungen ein wenig durcheinandergebracht werden. Denn ich wurde eines Besseren belehrt.
Meine Physiotherapeutin ist jung, engagiert und erfahren. Vor allem hat sie etwas gemacht, das für mich entscheidend war: Sie hat nicht einfach nur meine Schulter behandelt, sondern sehr genau hingeschaut und mir gezeigt, was ich selbst tun kann.
Es zeigte sich, dass ich eine muskuläre Schwäche in der Schulter habe und bestimmte Muskeln gezielt aufgebaut werden müssen. Die eigentliche Arbeit findet deshalb auch gar nicht während dieser 20 Minuten Physiotherapie statt. Die findet zu Hause statt. Bei mir. Tag für Tag.
Ich bekam gezielte Übungen, die ich seither konsequent mache. Keine spektakulären Übungen, nichts besonders Kompliziertes und teilweise so unscheinbar, dass man kaum glauben würde, dass sie einen grossen Unterschied machen können.
Aber genau das taten sie.
Nach und nach wurde der Schmerz weniger. Nicht von heute auf morgen und auch nicht mit einem grossen Aha-Moment, sondern Schritt für Schritt. Die Schulter wurde stabiler, die Bewegungen wieder leichter und irgendwann stellte ich fest: Das ist kein Vergleich mehr zu vorher.
Ganz verschwunden ist der Schmerz noch nicht. Aber nach zweieinhalb Jahren ist die Veränderung enorm.
Und natürlich musste ich irgendwann auch ein bisschen über mich selbst lachen. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich Therapien ausprobiert, Schmerzen akzeptiert, mich damit arrangiert und darauf gehofft, dass es irgendwann besser wird. Nur eines wollte ich partout nicht machen: zum Arzt gehen und klassische Physiotherapie ausprobieren.
Und ausgerechnet dort bekam ich schliesslich den entscheidenden Hinweis.
Vielleicht ist das auch die Erkenntnis, die mir von dieser Geschichte am meisten bleiben wird. Wir alle haben unsere Überzeugungen. Wir wissen vermeintlich, was uns entspricht und was nicht. Wir machen Erfahrungen, ziehen daraus unsere Schlüsse und entwickeln mit der Zeit ziemlich klare Vorstellungen davon, was für uns funktioniert.
Grundsätzlich ist das etwas Gutes. Aber manchmal werden aus Erfahrungen eben auch feste Überzeugungen.
„Das bringt mir sowieso nichts.“
„Das ist nicht mein Weg.“
„Ich weiss doch, wie das läuft.“
Und vielleicht lohnt es sich, genau diese Sätze hin und wieder zu überprüfen.
Nicht alles, was wir einmal als unpassend für uns eingeordnet haben, muss für immer unpassend bleiben. Manchmal verändert sich etwas. Manchmal begegnen wir einem Menschen, der anders arbeitet, als wir es erwartet haben. Und manchmal finden wir ausgerechnet dort etwas Hilfreiches, wo wir es am wenigsten vermutet hätten.
Meine Skepsis gegenüber einer zu schematischen Medizin ist übrigens nicht plötzlich verschwunden. Und vermutlich werde ich auch in Zukunft nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt rennen.
Aber eines werde ich hoffentlich anders machen: nicht wieder zweieinhalb Jahre warten.
Meine Schulter hätte gegen diesen Vorsatz vermutlich nichts einzuwenden. 😊
Meine Schulter und ich









